Fünfter Versuch…

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Ich stecke mir die billigen, bei meinem MP3-Player mitgelieferten und unglaublich schlechten Kopfhörer in die Ohren und steige die Treppe zur U-Bahn hinab. Während die Doublebase einer Metalcore Band wohltuend meine Trommelfelle massieren, steige ich in die U-Bahn. Wohltuend ist in diesem Falle relativ zu sehen. Es ist zumindest sehr viel angenehmer, als den Gesprächen der Zwölfjährigen zu lauschen, deren Schule scheinbar leider irgendwo auf meinem Arbeitsweg liegt.

“Nächster Halt: Goetheplatz.” nehme ich die Durchsage im Halbschlaf wahr, als gerade ein paar Sekunden Stille zwischen zwei Liedern herrscht. Ich schrecke auf und überprüfe kurz anhand meiner Reflektion in der Scheibe ob ich im Schlaf gesabbert habe. Nein, zum Glück nicht.

Schon echt erstaunlich welche technischen Fortschritte die U-Bahnansagen in den letzten zehn Jahren gemacht haben. Von “nuhunu….krtschhhhhh” zu einer klar verständlichen Aufnahme einer halbwegs angenehmen Stimme, ohne Dialekt. Da soll sich nochmal einer über die MVG beschweren. Die U-Bahn bleibt mit einem Ruck stehen. Mitten im Tunnel. “Verehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich ein wenig, da die Gleise noch durch den vorherigen Zug belegt sind.” Scheiß MVG!

Zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher, denen die Funktionsweise eines Mobiltelefons noch nicht ganz geläufig ist, schleppe ich mich die Treppen hoch. Die Rolltreppe wird gerade repariert. “Alter, ‘s geht, die Schlampe hat mich gestern einfach sitzen lassen…” Höre ich einen etwa Fünfzehnjährigen in sein Smartphone rufen. Er hat zum telefonieren den Lautsprecher eingeschalten und hält es sich abwechselnd quer vor den Mund, um hinein zu sprechen, und anschließend mit einer Halbkreisbewegung ans Ohr, um zu hören was sein Gesprächspartner in ähnlich niveauvoller Grammatik am anderen Ende in sein mobiles Endgerät brüllt. Im selben Takt in dem der Besitzer des Handys selbiges ans Ohr bewegt, lehnen sich die Jugendlichen um ihn herum näher an das Telefon. Vermutlich um mitzuhören was auf der anderen Seite gesagt wird. Nicht, dass das nötig wäre, denn der Lautsprecher ist laut genug, um sämtliche Leute im Umkreis der U-Bahn Station daran teilhaben zu lassen. Die anderen Mitglieder der Gruppe unterstüzten die beiden Gesprächspartner durch gelegentliche Zwischenrufe wie “Voll!” “Korrekt!” oder “Läuft bei dir”. Letzeres soll wohl Jugendwort oder so des Jahres geworden sein. Drei Wörter.

Von dem Gedanken amüsiert, wie sich sämtliche Geheimdienste dieser Welt gegenseitig einen Mitschnitt des eben miterlebten Telefonats zuschicken um herauszufinden welche Sprache das ist, welche Geheimcodes sich eventuell dahinter verbergen, und wie sie zu entschlüsseln sind, schleppe ich mich die letzten Meter bis zum Eingang des Firmengebäudes.

Wenig später sitze ich mit einem sehr schlechten Kaffee in einer schlecht ausgewaschenen Tasse in meinem schlecht beleuchteten Büro und bereite mich auf den heutigen Tag vor. Soweit das möglich ist. Viele meiner Klienten kommen hier zum ersten Mal rein um sich nach freien Stellen zu erkundigen. Eigentlich jeder hat einen Hang zum Extremen. Die einen sind extrem motiviert, andere extrem verzweifelt und manchen ist alles extrem egal.

Mein letzter Gast an diesem Tag gehört zur dritten Gruppe. Es ist der Jugendliche von heute Morgen. “Guten Tag” sagt er schüchtern. Ich schaue zu ihm auf und entgegne: “Läuft bei dir?”

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